Das Motorrad und ich

Heiteres und Besinnliches aus meinem Leben

  

Leseprobe #3


Ihr seid ja immer noch da . . .

 

. . .

Mit vierzehn Jahren kam ich nach dem (erfolgreichen) Absolvieren der neunten Klasse aus der Schule und erlernte den Beruf des Landwirtes. Da aber in einer modernen Landwirtschaft viele Maschinen nötig sind, die natürlich auch ab und an mal von kundiger Hand gewartet oder auch repariert werden müssen, erlaubte mir mein Vater dass ich abends, wenn unsere Arbeit getan war, noch bei einer Tankstelle in deren Werkstatt helfen durfte.

Ich arbeitete dort umsonst, d.h. ohne dass ich einen Geldwert mit nach Hause nahm. Was ich mir allerdings im Laufe der Zeit an technischem Wissen dort aneignete, das erstaunte später - und manchmal sogar heute noch - einige Kfz-Schlosser, die ja jetzt gemäß den neuen Berufsbezeichnungsrichtlinien ‘Mechatroniker’ genannt werden.

Eines Tages sah ich sie.

Ich war sofort hin- und hergerissen von ihr, wie sie so dastand, in elegantem Schwarz. Die musste ich unbedingt besitzen, sie musste die MEINE werden . . .

Keine Angst, lieber Leser. Ich schweife hier nicht ins Erotische ab. Die Rede ist ‘nur’ von einer Triumph Cornet, Bj. 1953, 200ccm, 10,5 PS, Doppelkolbenmotor, zwei feuerroten Einzelsitzbänken und, und, und.

Da brach die Krankheit offen und für jeden sichtbar aus. Der MoBa hatte mich besiegt!

Jetzt kam aber ein sehr großes Problem, nämlich:

Wie sage ich es meinen Eltern ???

Und das zweite, nicht ganz so große Problem:

Wo bekomme ich jetzt bloß 50,00 DM her ???

 

Das erste Problem hatte ich dann mehr oder (eher) weniger elegant gelöst. Ich möchte das Verfahren hier nicht näher erläutern, um Nachahmungen zu vermeiden . . .

Das zweite Problem löste sich ganz von selbst:

Als Willi (so hieß der Tankstellenpächter - mein ‘Lehrmeister’ und gleichzeitig Eigentümer meines Lebenstraumes) mitbekam wie unheilbar krank ich vor Sehnsucht nach diesem ersten richtigen Motorrad war, schenkte er es mir - als Entlohnung für die Arbeit, die ich bei ihm geleistet hatte.

Der große Tag kam - ich durfte den eleganten (allerdings innerlich völlig vergammelten) Eisenhaufen nach Hause schieben.

Zuhause hatten wir so gut wie alle Arten von Werkzeug, da wir ja, wie schon erwähnt, unsere Landmaschinen selbst reparierten.

Unter den prüfenden Augen meines Vaters schob ich die 155 kg Stahlross in die Werkstatt, unser alter umgebauter Pferdestall. Weil ich gleich etwas tun wollte, öffnete ich den Tankdeckel - nur so, um zu sehen ob vielleicht noch Sprit darin wäre. Da der Tank offensichtlich nicht bis oben hin voll war, beugte ich mich etwas tiefer darüber und erhielt prompt meine nächste ‘früher oder später Lektion’.

Wer es noch nie erlebt hat, dem kann ich es leider nicht beschreiben, wie sehr ein cirka zehn Jahre altes Zweitaktgemisch stinkt. Da bleibt Dir die Luft weg - bestimmt.

Mein Vater hat mich dann vom Tank weggezogen - sonst wäre die Story hier schon zu Ende und Ihr hättet gar nichts davon lesen können, weil ein Verstorbener kann nun mal keinen Computer bedienen.

Am nächsten Tag begann die Restaurierung.

Sollte mein Pech oder sein Unglück es wollen, dass ein Veteranenfreund dieses Buch liest, so bitte ich Ihn jetzt schon hier und an dieser Stelle ganz herzlich und tief beschämt  um Verzeihung, dass ich das, was nun folgte, restaurieren nannte.

Am besten wird wohl sein, wenn der geneigte Veteranenfreund die nächsten Zeilen oder auch Seiten einfach überspringt und erst beim zweiten Kapitel weiter liest.

Mir, mit dem MoBa Infizierten, kam es nämlich  nur darauf an, die Kiste so schnell wie möglich zum Leben zu erwecken - egal wie und (leider auch) egal mit welchen Hilfsmitteln.

Als Erstes wurde der Tank abmontiert, entleert und mit frischem Benzin (pur) gefüllt. Dann ließ ich ihn mit geöffnetem Tankdeckel tagelang in der prallen Sonne stehen, bis alles Benzin verdunstet war und - oh Wunder - es nicht mehr so penetrant aus der Tanköffnung stank. (Zu dieser Zeit kostete der Liter Benzin noch deutlich unter fünfzig Pfennigen pro LITER!)

In der Zwischenzeit öffnete ich den Motorgehäusedeckel auf der Lichtmaschinenseite. Nur meinem jugendlichen Alter von gerade mal 15 Jahren und meiner im Allgemeinen als sehr robust bezeichneten Gesundheit war es zu verdanken, dass ich dabei keinem Herzschlag erlag. Der ganze, abgedichtete, Raum darunter war nämlich voller rostrotem Wasser !!!

Vielleicht kann sich der Eine oder Andere von Euch vorstellen, welcher Arbeit es bedurfte, bis alle Teile der Lichtmaschine und der Zündanlage vom Rost befreit waren, die Kohlen sich wieder bewegten, die Feder des Unterbrecherkontaktes erneuert war - einen neuen Unterbrecherkontakt konnte ich für meine Maschine in der Eile nicht auftreiben - Hammer und Amboss desselben mit einer Kontaktfeile wieder leitend (nicht leidend) gemacht und vor allen Dingen wieder parallel zueinander ausgerichtet war und das alles, wie ich später feststellen durfte - auch tatsächlich wieder funktionierte.

Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf die Motorrestaurierung eingehen - als ich z.B. vermittels zweier gleichlanger Brennholzscheite, die ich auf je einen Kolben legte, mit einer Dachlatte und vier Nägeln verband um dann mit dem fünf Kilo (!) Vorschlaghammer die festsitzenden Kolben löste - um mir nicht noch mehr Groll erfahrener Restauratoren zuzuziehen.

Jedenfalls, irgendwann war es soweit. Eine gebrauchte (und geschenkte) sechs Volt Motorradbatterie von einer BMW (!) wurde eingesetzt, Zweitaktgemisch 1:20 wurde eingefüllt, der Benzinhahn geöffnet und das Motorrad vom Ständer runter und in den Hof geschoben. Dann wurde ordnungsgemäß der Chokehebel gezogen (eine manuelle Zündzeitpunktverstellung hatte dieses moderne Gefährt nicht mehr), der Zündknochen in die richtige Stellung gebracht (erkenntlich daran, dass die Ladekontrollleuchte rot wurde), der Kickstarter ausgeklappt und eins - zwei - drei - hauruck - pfff.

Naja, sagte ich mir, die muss ja auch nach zehn Jahren Standzeit nicht gleich auf den ersten Tritt kommen. Also noch mal, Kickstarter raus, Fuß drauf, Backen aufblasen und mit allen 72 Kilos auf ihn - - pfff.

Ich weis es noch sehr genau: Als ich mit meinen Tretversuchen begann, war es 18:00 h MEZ (Sommerzeit und solche Dinge gab es damals noch nicht) am 8. August - bestimmt noch 30 Grad im Schatten.

Bei meinem ersten Tritt trug ich außer Schuhen, Unterhosen und ein paar blauen Latzhosen nichts auf dem Leib - spätestens nach dem zehnten Tritt trug ich auch noch eine geschlossene Wasserschicht mit mir herum.

Nach dem zwanzigsten Tritt kam mir der Gedanke dass es wohl besser sei, wenn ich zunächst einmal die Zündkerze herausschrauben würde um zu sehen, ob das Biest überhaupt einen Funken produzierte.

Also bückte ich mich über die Maschine um den Kerzenstecker abzuziehen, denn das ist ja wohl die nötige Vorarbeit um die Zündkerze herausschrauben zu können.

- - -Auweiah - der war ja gar nicht aufgesteckt gewesen ! ! ! - - -

Mein Vater hatte meiner Leibesertüchtigung mit interessierten Blicken beigewohnt. Als er sah, warum die Kiste nicht anspringen wollte, lachte er.

Ich war der Verzweiflung nahe. Trotzdem beherrschte ich mich und sagte in einem gleichgültig klingen sollenden Ton:

“Das macht man so! Jetzt ist  der Motor richtig geschmiert und kann nicht gleich fest gehen.”

Irgendwie muss er dann doch gemerkt haben was mit mir los war, denn er zog sich ohne weiteren Kommentar zurück.

Als ich die Zündkerze herausgeschraubt hatte, triefte sie natürlich nur so von Benzin - Öl - Gemisch.

Also Benzinhahn zu. Chokehebel auf. Zündung aus. Vierten Gang reingetastet. Und dann erst einmal zehn Runden á 60 Metern durch den Hof geschoben - am Anfang fast im ‘Galopp’, wenig später im ‘Trab’, dann im ‘Schritt’ und schließlich kam dann der Punkt, wo ich entschied stehen zubleiben - statt mit dem Ross zusammen umzufallen. Der Brennraum wurde trocken - ich noch nasser, falls dies überhaupt möglich war. Immerhin zeigte das Thermometer am Werkstatttor noch 25 Grad (immer noch im Schatten).

Mit (Wackel-)Pudding in den Knien schaffte ich es doch noch, die Cornet auf den Ständer zu hieven. Nun noch schnell eine neue Kerze reinschrauben - ZÜNDKERZENSTECKER AUFSTECKEN - Maschine vom Ständer, Zündung einschalten, Kickstarter ausklappen, mit letzter Kraft hinuntertreten - BAUTZ -.

Es war ein Schlag, wie ihn wohl nur weiland das Eisenbahngeschütz aus dem WK II. machen konnte.

Meine Stimmung stieg ob dieser Fehlzündung ins Unermessliche - bis sich die ganze Familie um mich herum versammelt hatte um nachzusehen, ob ich mir vielleicht vor lauter Ärger (heute würde man ‘Frust’ sagen) und Enttäuschung die Kugel gegeben hätte.

Aber nein! Ich hätte die ganze Welt umarmen können! Die Fehlzündung war doch ein Zeichen dafür, dass die Kerze sehr wohl einen Funken hatte UND sich im Brennraum ein zündfähiges Gemisch befunden haben musste!

Mit freudestrahlendem Gesicht startete ich den nächsten Versuch. - BAUTZ - noch einmal das Gleiche.

Meine Oma fing an zu schimpfen, meine Eltern hielten sich die Ohren zu. Meine Schwester schaute mich bewundernd an und mein Bruder meinte:

“Schmeiß doch die alte Schüssel weg!”

Ich jedoch, im geistigen Höhenflug, machte noch einen Versuch: pfff. Nächster Versuch: pfff.

Und so weiter.

Irgendwann kam ich dann auf die Idee, dass ich es ja mal mit anSCHIEBEN probieren könnte . . .

Also - zweiten Gang rein, Kupplung gezogen lassen, losrennen, schneller, noch schneller - jetzt die Kupplung fliegen lassen - JA, wer sagts denn: Tock - Tock - Tock, dann kam der große Knall.

Das Hoftor hatte meinem euphorischen Vorwärtsdrang ein jähes Ende gesetzt.

Ergebnis dieses ereignisreichen Tages:

Eine Beule im Tank.

Lenker links - abgebrochen.

Alle Amaturen dieser Seite im Eimer.

Lampenglas kaputt, nur der blöde, ohnehin stark verrostete Zierring außen rum, der hatte keinen Kratzer abbekommen.

Das war das Schlimme.

Von meinem aufgeschlagenen Knie, den Hautabschürfungen, dem Halbamputierten linken Zeigefinger (Narbe bis heute zum freundlichen Andenken erhalten) und dem kleinen Loch im dicken Kopf wollen wir hier ja nicht reden resp. schreiben - das gehört zu jeder ordentlichen ‘früher oder später Lektion’ die ein zukünftiger Motorradfahrer nun mal braucht, wenn er so ungläubig seine Kiste anschiebt, dass er nicht glaubt sie würde irgendwann einmal anspringen. Wie sonst hätte ich auf die Idee kommen können, aus nur fünfzehn Metern Entfernung auf das geschlossene Tor  zuzuschieben.

Vierzehn Tage später war ich physisch und psychisch wieder soweit um mich an die Reparatur meines lädierten Motorrades zu machen. Nochmals vierzehn Tage gingen ins Land, dann war die Mühle soweit klar, dass sie (meistens) beim zweiten Tritt ansprang.

Von nun an drehte ich meine Runden im Hof nicht mehr mit dem Moped, sondern mit der Triumph, JAWOHL.

Vielleicht sollte ich noch kurz erwähnen, dass unser Hof mit Blaubasalt gepflastert war und selbstverständlich auch Regenrinnen enthielt.

Die älteren unter meinen Lesern, oder doch zumindest die Veteranenfreunde, werden sich sicher noch erinnern, wie kernig der Motor der Cornet zur Sache ging.

(Ja, schmunzelt nur über die 10,5 PS, Ihr jungen Leute, Ihr, die Ihr zehn bis fünfzehn mal soviel PS braucht um standesgemäß von A nach B zu kommen! Immerhin waren diese Pe-Esse schon bei Drehzahlen vorhanden, die ein heutiger Bolide braucht um überhaupt vorsichtig anfahren zu können. - Wenn mich nicht alles täuscht waren das 4.000 Umdrehungen/Minute bei einer kurzfristig zulässigen HÖCHST-Drehzahl von 4.380  - oder so ähnlich jedenfalls-.)

Es kam natürlich wieder wie es kommen musste - ich wurde immer mutiger (damals dachte ich ‘besser’) und schneller, die ‘Rundenzeiten für 10 x 60 Meter wurden immer kürzer - und dann kam der leichte, wirklich GANZ LEICHTE Nieselregen (um die fünfzehn Jahre alte Original-Bereifung hatte ich mich nur insofern gekümmert, dass ich neue Felgenbänder und neue Schläuche montierte - Das Profil war ja - bei knapp vier tausend Kilometern auf der Uhr - noch ganz brauchbar . . .) - - -

Platsch, klirr - aus für die nächste Zeit.

Meine Leser werden wohl mittlerweile gemerkt haben, dass ich nun wirklich kein Naturtalent in Bezug aufs Motorradfahren bin, aber ich glaube doch, dass ich bis heute noch Einiges dazu gelernt habe.

Soviel zu den Anfängen.

Im nächsten Kapitel begeben wir uns in den öffentlichen Straßenverkehr!


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