2. Kapitel
. . .
Dieses zweite Kapitel beschreibt die kurze Episode zwischen Kindheit und Motorradfahrer. Es begann mit dem Tag an dem ich sechszehn wurde. Ich fuhr heute zum letzten Mal mit dem Bus in die Stadt um bei der Fahrschule meinen Führerschein der Klasse vier abzuholen, welchen ich schon drei Tage vorher bestanden hatte.
Mit einem unheimlichen Glücksgefühl holte ich die Pappe ab. Ich hätte den Busfahrer erwürgen können, weil er noch an elf Haltestellen stehen blieb, anstatt mich, jawohl, mich, unverzüglich heim zu fahren, damit ich endlich mit dem Moped loskonnte. Mein Vater hatte mir für heute den ganzen Tag freigegeben und, ohne dass meine Mutter dies wusste, schnell noch einmal den Tank der DKW gefüllt.
Endlich war ich zu Hause. Schnell raus aus den Sonntagshosen, runter mit dem Nyltest-Hemd, Baumwollhemd und Latzhosen an, dazu noch die Kappe auf (natürlich mit dem Schild nach hinten) - - - und dann kam der große Augenblick.
Die Hummel summte leise vor sich in, das Hoftor öffnete sich und ich gab den 1,35 PS die Sporen . . .
Und das so gründlich, dass das Vorderrad in die Luft stieg und meine Mutter die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Meine Oma war sprachlos.
Oh, welche Lust fahren zu dürfen und zu können, wohin man will und (fast) so schnell man will. Als erstes fuhr ich in Richtung Altrhein, gleich hinter Trebur. Das hatte schon seinen Grund:
Ich besuchte seit einiger Zeit die Berufsschule und hatte dabei ein recht nettes Mädchen mit blauschwarzen Haaren kennen gelernt. Sie wohnte dort in der Nähe und ich musste ja irgendwie mein Glücksgefühl loswerden. Nach einer schier unendlich langen Fahrtzeit von cirka 30 Minuten kam ich bei dem Hof ihres Vaters an. Leider war nur der Opa zu Hause. Er sagte:
„Ei die seun nausgefoarn de Reuwissezaou ze mache!”
Leser, die sein fast reines Hochdeutsch etwa nicht verstanden haben sollten, sei gesagt, dass er mir mitteilte, wo die Gesuchte sich gerade aufhielt und was sie machte.
Ich bedankte mich herzlich:
„Ala Gure!”
Dann donnerte ich los - mit mindestens 41,2345 km/h.
Nachdem ich den Hochwasserdamm passiert hatte, bog ich nach links auf den Leinpfad ab um zu den Rheinwiesen zu gelangen. Ich sah sie schon von weitem und winkte ihr im Fahren zu. Hedwig bemerkte mich aber nicht, da sie ihrem Vater gerade half Treibholz vom letzten Hochwasser aus dem Stacheldraht der Wiesenumrandung zu entfernen.
Mit wahrhaft unvorstellbarer Geschwindigkeit preschte ich quer über die Wiese. Jetzt endlich drehte sie sich um und sah mich. Auch sie winkte mir und rief mir etwas zu, was ich aber wegen der Entfernung und dem Motorengeräusch nicht verstehen konnte. In meinem jugendlichen Leichtsinn hielt ich dies für eine Art Liebeserklärung und außerdem war mein Vorwärtsdrang ohnehin nicht mehr zu bremsen. Nun drehte sich auch Hedwigs Vater um und winkte mir zu. Ich dachte er freut sich, weil noch jemand kam um ihnen zu helfen.
Plötzlich bemerkte ich, dass ich die Winkerei doch wohl etwas missverstanden haben könnte: Die Beiden hatten nämlich für den baldigen Viehauftrieb die Weide vermittels eines Elektrozaunes schon in kleine Parzellen aufgeteilt.
(Für diejenigen, die nicht wissen, was ein Elektrozaun ist: Ein Stahldraht läuft in etwa 70 Zentimetern Höhe über den Boden. Er wird alle 8 - 10 Meter von einem isolierten Stahlstab gehalten. Wenn die Tiere auf der Weide sind, werden dort ständig geringe Stromimpulse induziert, so dass die Tiere wenn sie ihn berühren erschrecken und nicht ausbrechen.)
Diesen Draht nun hatte ich übersehen, während ich in rasender Fahrt in den Pedalen stehend über die Wiese donnerte.
Genau dieser Draht beendete meine Fahrt auf recht dramatische Weise: Ich machte mal wieder einen (fast) eleganten Salto über den Lenker und landete recht unsanft auf dem ansonsten doch so weichen Gras. Meine Augen öffnete ich erst wieder, als eine mir wohlbekannte Stimme fragte:
„Hast Du es eigentlich immer so eilig, in die Arme anderer Leute zu kommen?”
„Nein, ich steige immer so von meiner Maschine!” versuchte ich mich mit meinem, wie ich meinte coolen, Spruch aus der Affäre zu ziehen.
Worauf Vater und Tochter anfingen zu lachen.
Irgendwie kam mir dieses Erlebnis doch sehr bekannt vor und ich beschloss erneut, und jetzt erst recht, Motorradrennfahrer zu werden.
. . .