Das Motorrad und ich

Heiteres und Besinnliches aus meinem Leben

  

Leseprobe #1


Nun, hier ein Ausschnitt vom 1. Kapitel 

Mit dem ersten Kapitel beginnt alles, so auch mein ‘Buch’. Ich wurde kurz nach dem Krieg im Schlafzimmer meiner Eltern auf einem Bauernhof ohne Zuhilfenahme einer Hebamme, eines Arztes oder Apothekers geboren. Zunächst war nur meine Mutter anwesend, dann auch ich. Der später zufällig vorbeischauende Hausarzt Dr. Hübner gab mir damals kaum eine Lebenschance, da ich von Geburt an sehr stark an Asthma litt (Hihi, auf dieses Thema werde ich nochmals 22 Jahre später zurückkommen - gibt was zum Schmunzeln, aber verratet es mal noch nicht weiter). Diese Diagnose stellte er in dem Wissen auf, dass meine Oma (oder soll ich sie Großmutter nennen?) ebenfalls stark an Asthma litt. - Übrigens, ich lebe heute noch.

Als ich zwei Jahre alt, hatte ich die Krankheit vergessen und bereitete mich schon auf größere Taten vor.

Mit fünf Jahren besaß ich schon ein Zweirad. Das war damals durchaus nicht an der Tagesordnung und deshalb fühlte ich mich entsprechend wie der King vom Dorf.

In diesem Gefühl steckte jedoch, wie ich heute weis, jede Menge Stolz und Dummheit. Das war wohl auch der Grund, warum ich bereits sehr früh meine “früher oder später Lektionen” erhielt. - Was eine “früher oder später Lektion” ist und warum es gut ist, wenn man diese so früh wie möglich macht, wird der aufmerksame Leser sicher bei der Lektüre dieses Buches noch bemerken. - Vielleicht sollte ich noch einflehten, dass meine Eltern und Verwandten mich für außerordentlich frühreif hielten. Sie kamen zu diesem Schluss, weil ich bereits im Kindergartenalter immer nur Mädchen als Spielgefährten hatte. - Die Wahrheit ist aber, dass die gleichaltrigen Jungs alle größer und stärker waren als ich. -

Sehr gut erinnere ich mich noch an ein Erlebnis aus meiner Zeit mit dem Roller, weil ich auch später beim Fahren mit richtigen Motorrädern diese Erfahrung oft nutzen konnte:

Der Roller war neu und ich der King. Unser Dorf war damals gerade von der nächstgrößeren Stadt eingemeindet worden. Die Folge davon war, daß wir betonierte, leicht gewölbte Straßen bekamen. Neben den Bordsteinen waren in regelmäßiger Folge Sickerlöcher angeordnet, um bei Regen das Wasser in den sandigen Untergrund zu leiten. Diese Sickerlöcher waren etwas kleiner als die heutigen Kanaldeckel, dafür hatten sie jedoch keine Abdeckung.

Es war Sommer. Nach einem heftigen Gewitterschauer standen die neuen Straßen unter Wasser, da dieses nur sehr zögernd in dieser Menge im Erdreich verschwinden wollte. Am Straßenrand war die Brühe natürlich besonders tief.

Sobald der letzte Tropfen Regen gefallen war, machte ich mich mit meinem Roller auf die Socken zu meiner damaligen Hauptfreundin. Ich wollte ihr eigentlich nur zeigen, wie schön man mit dem Roller andere Leute nassspritzen konnte, wenn man nur schnell genug durch möglichst tiefes Wasser fuhr.

Wahrhaftig, ich sah sie schon von weitem am Straßenrand stehen. Sie ließ ein Rindenschiffchen auf dem schmutzigen Wasser fahren. Nun ja, nun konnte ich mich ja zeigen. Ich trat so schnell wie noch nie in meinem (damals fünfjährigen) Leben. Kurz bevor ich die junge Dame erreichte, steuerte ich von der Straßenmitte zum Straßenrand — also von cirka zwei Zentimeter in cirka zwanzig Zentimeter tiefes Wasser. Brigitte, damals geradeso wie ich fünf Jahre alt, erstarrte vor Schreck, als sie mich kommen sah.

Heute weis ich warum - um genau zu sein wusste ich es sogar schon zwei Sekunden später, eine Sekunde zu spät. -

Ich glaube nicht, dass es ihr viel ausgemacht hätte wenn ich sie mit der Bugwelle meiner ‘Rennmaschine’ von oben bis unten nassgespritz hätte, das war sie nämlich ohnehin schon.

Ich fuhr also auf sie zu - - - die Wassermassen vor dem Vorderrad wurden immer gewaltiger und immer weiter nach beiden Seiten geschleuert - - - bis plötzlich das besagte Rad gemeinerweise fünfzehn Zentimeter tief absackte und deshalb nicht mehr weiter rollte. - Später stellte es sich heraus, dass ich haarscharf eines dieser blöden Sickerlöcher getroffen hatte. -

Momentan war mir das aber sch…egal - denn mit einem, wahrscheinlich sehr elegant aussehenden - Salto überwand ich ungewollt die Lenkstange meines Rollers und platschte mit dem Rücken in die zwanzig Zentimeter tiefen, erdbraunen Fluten.

Während ich hustend und wasserspeiend aufstand dachte ich daran, dass dies wohl lächerlich gewirkt haben könnte, nein, gewirkt haben musste. Deshalb sagte ich zu Brigitte, die immer noch stocksteif am Borstein stand und jetzt auch noch von erdbrauner Brühe triefte, statt einem ‘Hallo, wie geht’s denn so?’ ein total lässiges:

“Ich steige immer so von meiner Maschine!”

Meinen Tretroller nannte ich nämlich ‘Maschine’, da ich, ich weis nicht mehr auf welchen Umwegen, erfahren hatte, dass manche Motorradfahrer Ihre Mototrräder so nannten.

Die einzige Reaktion, die diese Bemerkung bei Brigitte auslöste, war, dass sie laut und herzhaft lachte, ja sich schließlich krümmte vor Lachen und sich kaum noch einkriegen konnte.

In meiner Eitelkeit verletzt wandte ich mich wortlos von ihr ab, zog unter einer riesigen Kraftanstrengung meinen Roller aus der heimtückischen Falle und rollerte so schnell ich nur konnte weiter - - - natürlich durch das tiefste Wasser.

Mitdenkende Leser werden es wohl schon erraten haben - sehr weit kam ich nicht, denn das nächste Sickerloch kam . . . und mit ihm auch der nächste Salto.

Als ich mich erneut aufgerappelt hatte, wendete ich mich der Straßenmitte zu, verwünschte alle Weiber und insbesondere mein Imponiergehabe und gedachte in Zukunft ein Motorradrennfahrer zu werden - damit mir Brigitte eines Tages glauben würde, dass ich wirklich nur das Absteigen geübt hatte.

. . .


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